Ein Dateisystem-Baustein, den kaum jemand kennt, steckt in Überwachungskameras, Drohnen, Industriesteuerungen und Krypto-Wallets. runZero hat sieben Schwachstellen offengelegt – für die meisten gibt es keinen Patch, weil der Entwickler nicht antwortet. Und: Gefunden wurden die Bugs von einer KI, die praktisch jeder betreiben kann.

Die Sicherheitsfirma runZero hat sieben Schwachstellen im Dateisystem-Modul FatFs offengelegt – der schlanken C-Bibliothek, mit der Embedded-Geräte FAT/exFAT-Medien lesen. FatFs steckt in Überwachungskameras, Drohnen, Industriesteuerungen und Hardware-Krypto-Wallets. Ein präparierter USB-Stick, eine manipulierte SD-Karte oder eine bösartige Update-Datei reicht – auf vielen Embedded-Systemen führt bereits physischer Zugriff zum Jailbreak.
FatFs ist ein generisches FAT/exFAT-Dateisystemmodul für kleine Embedded-Systeme, in reinem ANSI-C geschrieben und vollständig von der darunterliegenden Hardware entkoppelt. Diese Plattformunabhängigkeit ist der Grund für seinen Erfolg: einmal schreiben, mit minimalem Aufwand auf AVR, 8051, PIC, ARM, Z80 portieren.
Genau diese extreme Freizügigkeit ist der Grund, warum FatFs in so vielen Produkten gelandet ist – und gleichzeitig der Grund, warum das Patchen jetzt zum Albtraum wird. exFAT ist zudem Standard für SDXC-Karten (≥ 64 GB) und aktiviert genau die Codepfade, in denen mehrere der neuen Lücken sitzen.
So unterschiedlich die Details, sie funktionieren alle nach demselben Grundprinzip: Das Gerät versucht, ein Speichermedium oder Firmware-Abbild einzulesen, das absichtlich fehlerhaft aufgebaut wurde. FatFs verarbeitet die manipulierten Daten falsch – Speicherbeschädigung, Absturz, Datenleck oder Endlosschleife sind die Folge.
Ausgelöst wird der Fehler durch präparierte FAT-, exFAT- oder GPT-Abbilder. Zwei Lücken (CVE-2026-6682 und CVE-2026-6683) sind auch über bestimmte OTA-Updates erreichbar – physischer Zugriff ist also nicht immer nötig.
CVE-2026-6682CVSS 7.6 · HIGHauch über OTADie Schlagzeilen-Lücke. Integer-Overflow in mount_volume() erzeugt gefälschte Dateigrößen, die nachgelagerter Code als reale Lese-Länge behandelt – daraus kann eine Heap-/Stack-Überschreitung mit Codeausführung werden. Auch über bestimmte OTA-Updates erreichbar.
CVE-2026-6687CVSS 7.6 · HIGHIn f_getlabel() wird die Länge des Label-Felds nicht ausreichend begrenzt. Schreibvorgänge greifen über die Puffergrenzen des Aufrufers hinaus – ein sauberes Speicherkorruptions-Primitiv überall dort, wo exFAT aktiviert ist.
CVE-2026-6688CVSS 7.6 · HIGHIst LFN aktiv, kann fno.fname deutlich größer werden als Wrapper-Code erwartet. strcpy/sprintf-Pfade werden zur Falle. Der eigentliche Bug lebt im Integrations-Code – FatFs kann nur mildern.
CVE-2026-6685CVSS 6.1 · MEDIUMAuf fragmentierten Volumes führt ein arithmetischer Unterlauf zu veraltetem Dirty-Cache-Verhalten und Out-of-Bounds-Zugriffen in Lese-/Schreibpfaden. Stille Datenkorruption – besonders gefährlich in Steuerungs- und Log-Workloads.
CVE-2026-6683CVSS 4.6 · MEDIUMauch über OTAPräparierte Medien lösen eine zuverlässig reproduzierbare Division durch Null aus. Im Update-Kontext ein Bricking-Vektor: Gerät wird unbrauchbar. DoS statt RCE, aber über OTA erreichbar.
CVE-2026-6686CVSS 4.6 · MEDIUMWird eine Datei über ihr Ende hinaus erweitert, tauchen Reste zuvor gelöschter Inhalte auf. Informationsleck – relevant in mehrstufigen Boot-/Update-Umgebungen und geteilten Medien.
CVE-2026-6684CVSS 4.6 · MEDIUMgefixt in R0.16Manipulierbarer GPT-Eintragszähler löst in älteren FatFs-Ständen praktisch unbegrenztes Scannen aus. Boot-Pfade hängen sich auf. Einzige Lücke mit Upstream-Fix (FatFs R0.16).
FatFs wird von einem einzelnen Entwickler in einer kleinen Ecke des Internets gepflegt. runZero versuchte wiederholt, den Maintainer zu erreichen, und schaltete früh das japanische Koordinationszentrum JPCERT/CC ein. Die Antwort: Funkstille.
Über diese Plattformen sickert das Problem weiter nach unten – in Verbraucher-IoT, industrielle Ausrüstung, Drohnen und Krypto-Wallets.
runZero selbst zieht in seinem Bericht den Vergleich zum berühmten XKCD-Comic Nr. 2347 („Dependency“). Die gesamte moderne digitale Infrastruktur ruht an unzähligen Stellen auf winzigen Bausteinen, die von einer einzigen Person in ihrer Freizeit gepflegt werden. FatFs ist ein Paradebeispiel: kompakt, nützlich, überallhin kopiert – deutlich weniger großartig, wenn Speichersicherheitsprobleme in Parser-nahem Code auftauchen, der bereitwillig nicht vertrauenswürdige Medien einliest.
2017 hatte runZero FatFs bereits einmal geprüft – von Hand, ergänzt durch mehrtägiges klassisches Fuzzing. Das Ergebnis: ein paar unspektakuläre Bugs.
Neun Jahre später, im März 2026, kehrte das Team mit einem Setup zurück, das im Grunde jeder von der Stange kaufen kann: Visual Studio Code, GitHub Copilot im „auto“-Modus, ein paar simple Prompts. Keine speziell gebauten Harnesses. Das LLM baute selbstständig einen Fuzzer, der die neuen 7 Bugs zutage förderte – und automatisierte auch die Validierung.
runZeros Schlussfolgerung ist unmissverständlich: Wenn eine weitgehend von der Stange zusammengesteckte KI-Pipeline diese Fehler findet, kann es jeder andere auch. Bugs still für sich zu behalten wäre 2026 nahezu reines „Security Theater“.
runZero erwartet, dass nachgelagerte Korrekturen Jahre statt Tage dauern. Präzedenzfall: PixieFail – neun Schwachstellen von 2024 im Netzwerk-Boot-Code von EDK II. Damals war die Firmen-Reaktion schleppend, obwohl ein funktionierender Maintainer-Prozess existierte.
Bei FatFs antwortet niemand. Nüchterne Annahme bis auf Weiteres: Millionen bereits ausgelieferter Geräte lesen nicht vertrauenswürdige Speichermedien mit Code, hinter dem kein Fix steht.
$ find . -name "ff.c" -o -name "ff.h" # FatFs im Repo lokalisieren $ grep -rn "strcpy\|sprintf" ./fatfs_wrapper/ # Wrapper prüfen $ cat fatfs/ff.h | grep _FS_MINIMIZE # LFN-/exFAT-Flags $ # Auf R0.16 aktualisieren → CVE-2026-6684 (GPT-Loop) geschlossen $ git pull upstream master && diff -u ff_old.c ff_new.c $ # Längen-Validierung um fno.fname & Volume-Label härten $ # Media-Auto-Mount deaktivieren, wo nicht zwingend nötig
$ # Physische Ports (USB, SD) als Angriffsfläche behandeln $ sudo lsblk -o NAME,TRAN,MOUNTPOINT # welche Slots aktiv? $ # Auto-Mount deaktivieren, Media-Whitelist erzwingen $ # Kiosk/Kamera/ATM: Slots physisch versiegeln, Zutritt loggen $ # OTA-Update-Quellen auf HTTPS + signierte Images beschränken $ # Hersteller-Advisories abonnieren (Espressif, ST, Zephyr, Samsung) $ # Betroffene Geräte inventarisieren → Patch-Wellen planen
Zum Stand der Offenlegung am 1. Juli 2026 waren keine Angriffe bekannt, die diese Schwachstellen ausnutzen. Allerdings ist das Angriffsmaterial bereits öffentlich: runZero hat im Repository runZeroInc/vulns-2026-fatfs-chance Proof-of-Concept-Disk-Images, einen Test-Harness und ein funktionierendes QEMU-basiertes Exploit-Beispiel veröffentlicht.
Die sieben FatFs-Schwachstellen sind einzeln betrachtet nicht spektakulär – keine erreicht „Critical“, die schwerste liegt bei CVSS 7.6. Die Sprengkraft entsteht aus drei Faktoren:
FatFs ist ein Lehrstück für ein strukturelles Problem der modernen Software-Lieferkette. Bis die großen Plattformanbieter nachziehen, gilt: Millionen Geräte da draußen lesen nicht vertrauenswürdige Speichermedien mit ungepatchtem Code.
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Weitere Fälle, in denen ein einzelner Baustein Millionen Systeme betrifft:
Wasacon inventarisiert Embedded-Geräte, härtet OT-Netzwerke, sperrt Media-Auto-Mount und begleitet Firmware-Update-Prozesse – damit ein präparierter USB-Stick nicht das nächste Einfallstor ins Unternehmen wird.
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