Ein unterschätztes Risiko mit massiven Folgen – und warum Cloud nicht automatisch sicher bedeutet.

Cloud-Lösungen gelten als modern, flexibel und effizient. Doch genau dort, wo eigentlich höchste Sicherheitsstandards erwartet werden – bei Kanzleisoftware – zeigen sich aktuell gravierende Schwächen.
Eine aktuelle Analyse des Chaos Computer Club (CCC) zeigt: Bei der Cloud-Kanzleisoftware RA-MICRO Essentials konnten sensible Mandantendaten durch gravierende Sicherheitslücken unkontrolliert ins Internet gelangen. Die Findings reichen von frei herunterladbaren Backups bis hin zu rekonstruierbaren JWT-Signaturen.
Sicherheitsforschende haben die Cloud-Lösung RA-MICRO Essentials untersucht – eine Software, die von Anwälten und Steuerberatern in ganz Deutschland eingesetzt wird. Was sie fanden, ist ein Paradebeispiel für katastrophale Cloud-Sicherheit:
Vollständige Datenbank-Backups waren frei aus dem Internet herunterladbar. Die Verschlüsselung? Das veraltete ZipCrypto – anfällig für sogenannte Known-Plaintext-Angriffe. Selbst vor der Entschlüsselung verrieten Ordnerstrukturen und Dateinamen bereits Mandantennamen und Aktenzeichen.
👉 In einigen Fällen konnten Daten ohne jede Authentifizierung eingesehen werden – inklusive beA-Zugangsdaten und IMAP-Passwörter.
Die Schwachstellen wurden in zwei Responsible-Disclosure-Reports an den Hersteller gemeldet. Die Bandbreite der Findings ist erschreckend:
Erster Disclosure-Report
Vollständige Datenbank-Backups waren ohne Authentifizierung aus dem Internet abrufbar.
Statt moderner AES-Verschlüsselung wurde das veraltete ZipCrypto eingesetzt – anfällig für Known-Plaintext-Angriffe.
Ordnerstrukturen und Dateinamen enthielten bereits Mandantennamen und Aktenzeichen – noch vor der Entschlüsselung.
Gerichtsakten, Aktenvermerke, Gutachten, Adressdaten sowie Zugangsdaten zu IMAP und beA.
Zweiter Disclosure-Report — noch gravierender
Die Signatur konnte aus öffentlich zugänglichen Daten abgeleitet werden – beliebige Tokens für jede Instanz erstellbar.
Nutzerpasswörter lagen im Klartext in der Datenbank – ohne jede Form von Hashing.
Über einen Test-Account-Mechanismus konnten beliebige Admin-Zugänge erstellt werden.
Die Subdomain ccc.es.ra-micro.de konnte übernommen und auf die CCC-Website umgeleitet werden.
Über eine API konnten die privaten TLS-Zertifikatsschlüssel heruntergeladen werden.
E-Mails konnten im Namen von RA-MICRO versendet werden – perfekt für gezielte Phishing-Angriffe.
Wasacon Einordnung: Jede einzelne dieser Schwachstellen wäre für sich genommen bereits kritisch. In Kombination ermöglichen sie den vollständigen Zugriff auf die gesamte Infrastruktur – inklusive aller Mandantendaten.
Die Tragweite ist enorm, denn es handelt sich nicht um irgendwelche Dateien – sondern um alles, was eigentlich zu den sensibelsten Daten überhaupt gehört:
Komplette Finanzhistorien und Steuererklärungen.
Mandantenverträge, Gutachten, Aktenvermerke, Gerichtsakten.
Personalausweise, Geburtsdaten, Adressen.
Kontodaten, Gehälter, Bilanzen.
E-Mails, Chat-Verläufe, Notizen zwischen Mandant und Kanzlei.
IMAP-Passwörter, beA-Zugangsdaten (elektronisches Anwaltspostfach).
Der eigentliche Angriff beginnt oft nicht mit einem Hacker – sondern mit einem grundlegenden Denkfehler:
„Cloud = automatisch sicher"
Cloud-Systeme werden falsch eingerichtet oder nie vollständig abgesichert.
Viele Systeme sind "out of the box" nicht sicher genug.
Je mehr Schnittstellen und Integrationen, desto größer die Angriffsfläche.
Unbemerkte Zugriffe bleiben oft über lange Zeit unentdeckt.
Kanzleien unterliegen strengen Datenschutzpflichten – insbesondere durch DSGVO, Berufsgeheimnisse und Mandantenschutz.
DSGVO-Verstöße können Millionen kosten.
Mandanten verlieren das Vertrauen – unwiederbringlich.
Berufsrechtliche Verfahren bis hin zum Berufsverbot.
👉 Im schlimmsten Fall bedeutet das: Existenzgefährdung der Kanzlei.
Die gute Nachricht: Die meisten dieser Risiken sind vermeidbar – wenn man es richtig macht.
Nur autorisierte Nutzer auf Cloud-Dienste zugreifen lassen.
MFA für alle Zugänge aktivieren – ohne Ausnahme.
Rate-Limiting, Authentifizierung und Verschlüsselung.
Konfigurationen systematisch prüfen.
Anomalien erkennen, bevor Schaden entsteht.
Kein Vertrauen ohne Verifizierung – auch innerhalb der Cloud.
Unabhängige Pentests und Audits durchführen lassen.
Schulungen zu Cloud-Sicherheit und Datenschutz.
Nicht nur Marketing vertrauen – Sicherheitsnachweise einfordern.
Ein besonders brisantes Detail des Falls: Die Sicherheitsforschenden, die diese Schwachstellen entdeckt haben, blieben anonym – aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung.
Der Grund: Die sogenannten Hackerparagraphen (§§ 202a–202c StGB) kriminalisieren in Deutschland auch gutartige Sicherheitsforschung. Wer Schwachstellen aufdeckt – selbst wenn er verantwortungsvoll handelt – riskiert Strafverfolgung. Der CCC übernahm daher die Kommunikation mit dem Hersteller RA-MICRO.
Statt Dank und Anerkennung drohen Hausdurchsuchungen und Strafverfahren – ein absurdes Signal an die Sicherheitscommunity.
Der CCC fordert eine Legalisierung verantwortungsvoller Sicherheitsforschung. Ohne rechtlichen Schutz bleiben Schwachstellen länger unentdeckt – und Angreifer profitieren.
Wasacon Einordnung: Solange Sicherheitsforschung in Deutschland unter Generalverdacht steht, werden kritische Schwachstellen später gemeldet oder gar nicht erst untersucht. Das schadet letztlich allen – außer den Angreifern.
Cloud ist nicht das Problem.
Falsche Nutzung ist das Problem.
Wer sensible Daten in die Cloud verlagert, übernimmt auch die Verantwortung für deren Schutz. Und genau hier scheitern aktuell viele Unternehmen.
👉 Die Realität ist einfach: Ein einziger Fehler kann reichen – und deine Daten gehören plötzlich allen.
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Lass deine Cloud-Infrastruktur von Experten prüfen – bevor es jemand anderes tut.
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Wie viel sollte Ihr Unternehmen jährlich in IT investieren?
Risiko-Level: Mittel · Multiplikator: 1.2×
Richtwerte auf Basis von BSI/NIST/ENISA-Branchenbenchmarks. Keine verbindliche Empfehlung.
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