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    Cybersecurity

    Kanzleisoftware in der Cloud: Wenn sensible Daten plötzlich „regnen"

    Ein unterschätztes Risiko mit massiven Folgen – und warum Cloud nicht automatisch sicher bedeutet.

    11.04.2026 10 min Lesezeit
    Kanzleisoftware Cloud Datenleck – sensible Daten regnen aus der Cloud

    Ein unterschätztes Risiko

    Cloud-Lösungen gelten als modern, flexibel und effizient. Doch genau dort, wo eigentlich höchste Sicherheitsstandards erwartet werden – bei Kanzleisoftware – zeigen sich aktuell gravierende Schwächen.

    Eine aktuelle Analyse des Chaos Computer Club (CCC) zeigt: Bei der Cloud-Kanzleisoftware RA-MICRO Essentials konnten sensible Mandantendaten durch gravierende Sicherheitslücken unkontrolliert ins Internet gelangen. Die Findings reichen von frei herunterladbaren Backups bis hin zu rekonstruierbaren JWT-Signaturen.

    Was ist passiert?

    Sicherheitsforschende haben die Cloud-Lösung RA-MICRO Essentials untersucht – eine Software, die von Anwälten und Steuerberatern in ganz Deutschland eingesetzt wird. Was sie fanden, ist ein Paradebeispiel für katastrophale Cloud-Sicherheit:

    Vollständige Datenbank-Backups waren frei aus dem Internet herunterladbar. Die Verschlüsselung? Das veraltete ZipCrypto – anfällig für sogenannte Known-Plaintext-Angriffe. Selbst vor der Entschlüsselung verrieten Ordnerstrukturen und Dateinamen bereits Mandantennamen und Aktenzeichen.

    Backups ohne Authentifizierung abrufbar
    Veraltete ZipCrypto statt AES-Verschlüsselung
    Mandantennamen in Dateinamen sichtbar
    Gerichtsakten, Gutachten und beA-Daten entschlüsselt

    👉 In einigen Fällen konnten Daten ohne jede Authentifizierung eingesehen werden – inklusive beA-Zugangsdaten und IMAP-Passwörter.

    Der technische Blumenstrauß

    Die Schwachstellen wurden in zwei Responsible-Disclosure-Reports an den Hersteller gemeldet. Die Bandbreite der Findings ist erschreckend:

    1

    Phase 1 — Mai 2025

    Erster Disclosure-Report

    Backups frei herunterladbar

    Vollständige Datenbank-Backups waren ohne Authentifizierung aus dem Internet abrufbar.

    ZipCrypto-Verschlüsselung

    Statt moderner AES-Verschlüsselung wurde das veraltete ZipCrypto eingesetzt – anfällig für Known-Plaintext-Angriffe.

    Metadaten verraten Mandanten

    Ordnerstrukturen und Dateinamen enthielten bereits Mandantennamen und Aktenzeichen – noch vor der Entschlüsselung.

    Entschlüsselte Inhalte

    Gerichtsakten, Aktenvermerke, Gutachten, Adressdaten sowie Zugangsdaten zu IMAP und beA.

    2

    Phase 2 — August 2025

    Zweiter Disclosure-Report — noch gravierender

    JWT-Signatur rekonstruierbar

    Die Signatur konnte aus öffentlich zugänglichen Daten abgeleitet werden – beliebige Tokens für jede Instanz erstellbar.

    Passwörter ungehasht

    Nutzerpasswörter lagen im Klartext in der Datenbank – ohne jede Form von Hashing.

    Admin-Accounts anlegbar

    Über einen Test-Account-Mechanismus konnten beliebige Admin-Zugänge erstellt werden.

    Subdomain-Übernahme

    Die Subdomain ccc.es.ra-micro.de konnte übernommen und auf die CCC-Website umgeleitet werden.

    Private TLS-Schlüssel abrufbar

    Über eine API konnten die privaten TLS-Zertifikatsschlüssel heruntergeladen werden.

    E-Mail-Spoofing möglich

    E-Mails konnten im Namen von RA-MICRO versendet werden – perfekt für gezielte Phishing-Angriffe.

    Wasacon Einordnung: Jede einzelne dieser Schwachstellen wäre für sich genommen bereits kritisch. In Kombination ermöglichen sie den vollständigen Zugriff auf die gesamte Infrastruktur – inklusive aller Mandantendaten.

    Welche Daten sind betroffen?

    Die Tragweite ist enorm, denn es handelt sich nicht um irgendwelche Dateien – sondern um alles, was eigentlich zu den sensibelsten Daten überhaupt gehört:

    Steuerunterlagen

    Komplette Finanzhistorien und Steuererklärungen.

    Verträge & Gerichtsakten

    Mandantenverträge, Gutachten, Aktenvermerke, Gerichtsakten.

    Identitätsdaten

    Personalausweise, Geburtsdaten, Adressen.

    Finanzinformationen

    Kontodaten, Gehälter, Bilanzen.

    Interne Kommunikation

    E-Mails, Chat-Verläufe, Notizen zwischen Mandant und Kanzlei.

    Zugangsdaten

    IMAP-Passwörter, beA-Zugangsdaten (elektronisches Anwaltspostfach).

    Wie entstehen solche Sicherheitslücken?

    Der eigentliche Angriff beginnt oft nicht mit einem Hacker – sondern mit einem grundlegenden Denkfehler:

    „Cloud = automatisch sicher"

    Fehlkonfigurationen

    Cloud-Systeme werden falsch eingerichtet oder nie vollständig abgesichert.

    Unsichere Standard-Einstellungen

    Viele Systeme sind "out of the box" nicht sicher genug.

    Komplexe Infrastruktur

    Je mehr Schnittstellen und Integrationen, desto größer die Angriffsfläche.

    Fehlendes Monitoring

    Unbemerkte Zugriffe bleiben oft über lange Zeit unentdeckt.

    Warum das besonders kritisch ist

    Kanzleien unterliegen strengen Datenschutzpflichten – insbesondere durch DSGVO, Berufsgeheimnisse und Mandantenschutz.

    Massive Bußgelder

    DSGVO-Verstöße können Millionen kosten.

    Vertrauen zerstört

    Mandanten verlieren das Vertrauen – unwiederbringlich.

    Rechtliche Konsequenzen

    Berufsrechtliche Verfahren bis hin zum Berufsverbot.

    👉 Im schlimmsten Fall bedeutet das: Existenzgefährdung der Kanzlei.

    Was Unternehmen jetzt tun müssen

    Die gute Nachricht: Die meisten dieser Risiken sind vermeidbar – wenn man es richtig macht.

    Sofortmaßnahmen

    Zugriff strikt einschränken

    Nur autorisierte Nutzer auf Cloud-Dienste zugreifen lassen.

    Multi-Faktor-Authentifizierung

    MFA für alle Zugänge aktivieren – ohne Ausnahme.

    APIs & Schnittstellen absichern

    Rate-Limiting, Authentifizierung und Verschlüsselung.

    Regelmäßige Security Audits

    Konfigurationen systematisch prüfen.

    Logs aktiv überwachen

    Anomalien erkennen, bevor Schaden entsteht.

    Strategische Maßnahmen

    Zero-Trust-Ansatz

    Kein Vertrauen ohne Verifizierung – auch innerhalb der Cloud.

    Externe Sicherheitsprüfungen

    Unabhängige Pentests und Audits durchführen lassen.

    Mitarbeiter sensibilisieren

    Schulungen zu Cloud-Sicherheit und Datenschutz.

    Anbieter kritisch prüfen

    Nicht nur Marketing vertrauen – Sicherheitsnachweise einfordern.

    Hackerparagraphen — Sicherheitsforschung braucht Schutz

    Ein besonders brisantes Detail des Falls: Die Sicherheitsforschenden, die diese Schwachstellen entdeckt haben, blieben anonym – aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung.

    Der Grund: Die sogenannten Hackerparagraphen (§§ 202a–202c StGB) kriminalisieren in Deutschland auch gutartige Sicherheitsforschung. Wer Schwachstellen aufdeckt – selbst wenn er verantwortungsvoll handelt – riskiert Strafverfolgung. Der CCC übernahm daher die Kommunikation mit dem Hersteller RA-MICRO.

    Forschende werden kriminalisiert

    Statt Dank und Anerkennung drohen Hausdurchsuchungen und Strafverfahren – ein absurdes Signal an die Sicherheitscommunity.

    Reform dringend notwendig

    Der CCC fordert eine Legalisierung verantwortungsvoller Sicherheitsforschung. Ohne rechtlichen Schutz bleiben Schwachstellen länger unentdeckt – und Angreifer profitieren.

    Wasacon Einordnung: Solange Sicherheitsforschung in Deutschland unter Generalverdacht steht, werden kritische Schwachstellen später gemeldet oder gar nicht erst untersucht. Das schadet letztlich allen – außer den Angreifern.

    Wasacon Fazit

    Cloud ist nicht das Problem.
    Falsche Nutzung ist das Problem.

    Wer sensible Daten in die Cloud verlagert, übernimmt auch die Verantwortung für deren Schutz. Und genau hier scheitern aktuell viele Unternehmen.

    👉 Die Realität ist einfach: Ein einziger Fehler kann reichen – und deine Daten gehören plötzlich allen.

    Häufig gestellte Fragen

    Haftungsausschluss: Die auf Wasacon bereitgestellten Inhalte dienen nur zu Informationszwecken. Wir garantieren nicht die Qualität, Genauigkeit oder Vollständigkeit der Informationen aus Drittquellen.

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