„Ihr wart nie anonym" – First VPN zerschlagen
Behörden zerlegen ein zentrales Werkzeug der Cybercrime-Szene: 33 Server abgeschaltet, mindestens 25 Ransomware-Gruppen enttarnt, über 500 Nutzerprofile bereits an Ermittler. Das „No-Logs"-Versprechen war eine Lüge.

Ein internationaler Schlag gegen die Cybercrime-Szene sorgt aktuell für Nervosität in einschlägigen Untergrundforen: Das sogenannte „First VPN" wurde in einer weltweiten Operation abgeschaltet. Die Infrastruktur galt laut Ermittlern jahrelang als eines der wichtigsten Werkzeuge für Ransomware-Banden, Datendiebe und Betrüger.
Was viele Nutzer für einen „sicheren Schutzschild" hielten, entwickelte sich zum größten Eigentor der Szene.
Die Operation in Zahlen
Die Aktion lief zwischen dem 19. und 20. Mai 2026 unter Beteiligung zahlreicher Länder, darunter Frankreich, Niederlande, Deutschland, USA, Spanien, Großbritannien und der Ukraine.
Zusätzlich wurde der mutmaßliche Administrator in der Ukraine durchsucht und vernommen, mehrere Domains beschlagnahmt – darunter 1vpns.com, 1vpns.net, 1vpns.org sowie mehrere Tor-/Onion-Dienste.
Ein VPN, gebaut für Cyberkriminelle
„First VPN" war kein gewöhnlicher Datenschutzdienst. Beworben wurde er gezielt in russischsprachigen Cybercrime-Foren – mit Versprechen, die jeden seriösen Anbieter alarmieren würden:
- keine Logs
- keine Zusammenarbeit mit Behörden
- anonyme Krypto-Zahlungen
- verschleierte Infrastruktur
- Schutz vor Strafverfolgung
- Tarn-Traffic als HTTPS-Verkehr
Die Plattform bot verschiedene VPN-Protokolle sowie Tarntechniken an, mit denen schädlicher Traffic wie normaler HTTPS-Webverkehr aussehen sollte – ein zentraler Baustein, um Firewalls, IDS und Behörden auszuhebeln.
Mindestens 25 Ransomware-Gruppen nutzten den Dienst
Laut FBI und Europol wurde die Infrastruktur von mindestens 25 bekannten Ransomware-Gruppen verwendet. Eingesetzt wurde sie unter anderem für:
Ransomware-Angriffe
Verschleierter Zugriff und Erpressung kompletter Unternehmensnetzwerke.
Datenexfiltration
Heimliches Absaugen sensibler Daten in Richtung Leak-Seiten.
Command & Control
Versteckte C2-Kanäle für Malware und Botnetze.
DDoS & Netzwerk-Scans
Massenangriffe auf Online-Dienste und Schwachstellen-Scans im großen Stil.
Betrugsoperationen
Großangelegte Phishing- und BEC-Kampagnen über getarnte Endpunkte.
Lateral Movement
Verschleierter Sprung zwischen kompromittierten Netzwerken weltweit.
Besonders brisant: Ermittler konnten offenbar auf Nutzerdaten und Verbindungsinformationen zugreifen. Tausende Nutzer wurden identifiziert. Bereits jetzt wurden über 500 Nutzerprofile an internationale Ermittlungsbehörden verteilt.
„No Logs"? Offenbar nicht.
Der Fall zeigt erneut ein massives Problem in der Underground-Szene: Viele kriminelle Dienste werben mit absoluter Anonymität – doch sobald Ermittler Zugriff auf Systeme oder Betreiber erhalten, bricht das Kartenhaus zusammen.
Ransomware-Gruppen verlassen sich auf VPN- und Proxy-Infrastrukturen, um:
- ihre Herkunft zu verschleiern
- Command-&-Control-Systeme zu verstecken
- Datenverkehr umzuleiten
- Strafverfolgung zu erschweren
Wenn genau diese Infrastruktur kompromittiert wird, entstehen plötzlich riesige Ermittlungsansätze – auch rückwirkend.
Warum der Schlag für Unternehmen relevant ist
Die eigentliche Gefahr endet nicht mit der Abschaltung. Sicherheitsbehörden werden die gewonnenen Daten jetzt vermutlich monatelang auswerten. Das kann bedeuten:
- neue Hausdurchsuchungen
- weitere Infrastruktur-Takedowns
- zusätzliche Festnahmen
- Aufklärung laufender Angriffe
- Identifizierung kompromittierter Firmenzugänge
Unternehmen sollten besonders aufmerksam sein, wenn:
- ungewöhnliche VPN-Verbindungen auftauchen
- unbekannte IPs aus exotischen Ländern erscheinen
- alte RDP-/VPN-Zugänge noch aktiv sind
- historische Login-Daten nie überprüft wurden
Diese Maßnahmen sollten jetzt umgesetzt werden
Remote-Zugänge auditieren
Alte VPN-, RDP- und SSH-Zugänge identifizieren und deaktivieren, sobald sie nicht mehr gebraucht werden.
Logs analysieren
Verbindungen aus exotischen Ländern, ungewöhnlichen ASNs oder zu untypischen Zeiten gezielt prüfen.
MFA flächendeckend
Multi-Faktor-Authentifizierung auf jedem Remote-Zugang – ohne Ausnahme für „Service-Accounts“.
EDR/XDR scharfschalten
Endpoint Detection & Response erkennt verdächtigen Tunnel-Traffic, der durch klassische Firewalls rutscht.
Die eigentliche Botschaft: Vertrauensbruch in der Szene
Die wichtigste Erkenntnis ist nicht die Abschaltung selbst – sondern die psychologische Wirkung. Viele Täter glaubten jahrelang, über „First VPN" unsichtbar zu sein. Jetzt bekommen Nutzer der Plattform teilweise direkt eingeblendet, dass sie identifiziert wurden.
Für die Cybercrime-Szene ist das ein massiver Vertrauensbruch. Und genau dieses Misstrauen gegenüber eigener Infrastruktur ist häufig der Anfang weiterer Fehler, Leaks und Festnahmen.
Wasacon-Perspektive
Der Takedown zeigt: Ermittlungsbehörden greifen längst nicht mehr nur einzelne Hackergruppen an, sondern die komplette Infrastruktur dahinter. Für KMU im Kreis Heinsberg bedeutet das zweierlei:
- Die Angreifer werden nervöser – und damit oft hektischer und auffälliger.
- Wer jetzt sauberes EDR/XDR-Monitoring und kontrollierte Remote-Zugänge hat, sieht Anomalien zuerst.
Wir helfen Ihnen, alte Remote-Zugänge zu auditieren, Logs zentral auszuwerten und mit EDR/XDR genau die Tunnel-Aktivitäten zu erkennen, die durch klassische Firewalls rutschen.
Häufige Fragen (FAQ)
Haftungsausschluss: Die auf Wasacon bereitgestellten Inhalte dienen nur zu Informationszwecken. Wir garantieren nicht die Qualität, Genauigkeit oder Vollständigkeit der Informationen aus Drittquellen.
Mehr aus dem Ransomware- & Takedown-Cluster
Hintergrund zu aktuellen Ransomware-Vorfällen, Darknet-Erpressung und kritischen Schwachstellen, die als Einfallstor dienen.
Diskussion
0 Beiträge
IT-Budget Quick-Check
Wie viel sollte Ihr Unternehmen jährlich in IT investieren?
Risiko-Level: Mittel · Multiplikator: 1.2×
Richtwerte auf Basis von BSI/NIST/ENISA-Branchenbenchmarks. Keine verbindliche Empfehlung.
Das könnte Sie auch interessieren
IT-Sicherheitpm-energy gehackt? Qilin listet „Die Solarexperten“ aus Reesdorf im Darknet
Seit dem 9. August 2026 führt die Ransomware-Gruppe Qilin die pm-energy GmbH aus Reesdorf (Schleswig-Holstein) auf ihrer Leak-Seite. Was belegt ist, was Täterbehauptung bleibt – und warum Photovoltaik-Projektdaten besonders sensibel sind.
IT-SicherheitClausing Tiefbau gehackt? Qilin listet Osnabrücker Infrastruktur-Spezialisten im Darknet
Seit dem 8. August 2026 führt die Ransomware-Gruppe Qilin die Clausing GmbH Tiefbauunternehmen aus Osnabrück auf ihrer Darknet-Leak-Seite. Was belegt ist, was Täterbehauptung bleibt – und warum die digitalisierten Bauprozesse den Fall brisant machen.
IT-SicherheitThe Gentlemen listet INKA Group: Hinter der unscheinbaren Münchner Immobilienholding steckt ein weit größeres Firmengeflecht
Seit dem 7. August 2026 führt die Ransomware-Gruppe The Gentlemen die Münchner INKA Group GmbH & Co. KG als mutmaßliches Opfer. Register- und Konzerndaten zeigen ein verzweigtes Immobiliennetz – bis hin zur Hasen-Immobilien AG mit 230,5 Mio. € Bilanzsumme.
